auf der Suche nach mir selbst

Chamäleon

Ich habe schon einiges über Süchte und Störungen geschrieben, jetzt möchte ich einmal herausfinden, inwieweit ich eigentlich selber betroffen bin.

Wenn man mich fragt, ob ich nach etwas süchtig bin, kann ich direkt so einiges aufzählen.

*Lesen
*Computer und Internet
*Essen
*Hungern
*Sport
*Schreiben
*Schokolade
*depressiv in der Ecke liegen und mich nach dem Tod sehnen
*Musik (manchmal bestimmte Lieder)
*allein sein

Und doch kann ich auf alles davon verzichten. Ich bin nicht nach etwas bestimmtem süchtig, meine Sucht ist an keinen Stoff oder eine bestimmte Verhaltensweise gebunden. Und dennoch, ich kann auch nicht ohne.


Meine Süchte sind austauschbar, aber wenn ich in einer akuten Suchtphase drin bin, dann kann ich nicht anders, kann nicht aufhören, werde hibbelig, wenn ich darauf verzichten muss.
Doch wenn ich zu auffällig werde, wenn jemand aus meiner Familie oder meinen Freunden mich drauf anspricht, ich kann schlagartig damit aufhören und alles verneinen.

Aber der Drang, etwas Süchtiges zu tun, ist damit nicht weg, ungefähr einen halben Tag später fange ich an, etwas anderes obsessiv zu tun.

Wenn ich zum Beispiel gerade an einem Buch hänge, dann kann ich einfach nicht aufhören, ärgere mich, wenn ich zur Uni muss und dafür aufhören zu lesen, und wenn ich dann das Buch aushabe, ist es, als ob aus einem Luftballon die Luft gelassen wurde, ich fühle mich dann komplett leer und trostlos.


In einer schlimmen Essphase habe ich mich mal geweigert, irgendetwas zu unternehmen, weil ich dafür keine zwei Stunden aufs Essen hätte verzichten können.

In meinen Hungerphasen habe ich bis zu 8 Tagen überhaupt gar nichts gegessen oder mal ein paar Monate nur Obst.


Wenn aber jemand meint, dass ich auffällig dünn bin, dann freu ich mich zwar, möchte aber nicht als essgestört gelten und fange wieder an zu fressen.

Ich bin extrem suchtgefährdet, lebe aber keine Sucht so intensiv aus, dass man mich offiziell als krank bezeichnen könnte.


Ich bin vollkommen unauffällig, bin ein Chamäleon, das so im Leben untertaucht.

Ich bin unsichtbar.

1 Kommentar 14.2.10 21:19, kommentieren

Überfluss

Ich lebe in einer für mich ungünstigen Gesellschaft, in der Überflussgesellschaft.
Ich komme mit Überfluss nicht klar. Überfluss überfordert mich. Überfluss bringt mich noch um.
Ich kann sehr gut mit wenig essen leben, doch dann kommt ein Tag, an dem ich allein zuhause bin. Ich öffne den Schrank, alles voll mit Süßigkeiten. Verschiedene Süßigkeiten, ich kann mich nicht entscheiden, nehme mehrere Sorten, stopfe und stopfe.

Oder ich gehe in einen Laden, habe Geld mit und zuviel Zeit. Ich sehe die Regale, kann mich nicht entscheiden, was ich kaufen soll. Entweder ich kapituliere vor dem Angebot, kaufe gar nichts, oder ich kaufe zuviel.
Es kann sich um Essen handeln oder um Klamotten, gar kein Unterschied.


Familienfest. Gemeinsames Essen. Zuviele unterschiedliche Sachen. Zuerst mag ich gar nichts essen, dann lege ich los, nehme mir immer noch mehr.

Ich bekomme Bücher geschenkt. Ich kann mir nicht aufteilen, diese über ein paar Monate verteilt zu lesen. Ich lese und lese, bis ich fertig damit bin.


Ich bin unersättlich, auf Essen, auf Bücher. Allein in einer Wüste würde ich mich wohler fühlen.

Ich kann mich selber in eine Wüste verfrachten, kann ganz klare Regeln aufstellen, was ich essen darf, was ich lesen darf, was ich kaufe. Und mich daran halten.

Bis mich jemand dazu zwingt, etwas zu essen, das nicht im Plan war, mir wohlwollend ein Buch leiht, das ich lesen soll. Und dann lege ich wieder los, kann nicht aufhören.

Mein Zimmer ist nicht ordentlich. Ich habe zu viele Sachen. Immer wenn mir jemand etwas schenkt, nehme ich es. Und stopfe es in mein Zimmer.

Alles voll.
Chaos.

In der Steinzeit käme ich besser zurecht.
Mein Sammlertrieb, mein Esstrieb, solange etwas da ist.
Meine Genügsamkeit, wenn die Versuchungen weg sind.
Alles überlebenswichtig.

Und hier wird es mir zum Verhängnis.

1 Kommentar 14.2.10 14:59, kommentieren

Ich möchte nicht vor etwas davon, sondern auf etwas zulaufen

Dieser Spruch ist so wahr.

Solange ich vor meinen Gefühlen, meinen Depressionen, meinen Essproblemen davongelaufen bin, ging es mir schlecht. 

Jetzt laufe ich wieder auf etwas zu, lerne gerade html, mache mir eine neue Homepage, habe eine Klausur geschafft, habe ein Jobangebot erhalten, das es mir vielleicht ermöglicht auszuziehen und gehe mit meiner Mutter einkaufen, schon geht es mir wieder besser.

Ich fühle mich nicht so umgehauen, nicht so tot, ich bin wieder jemand. 

1 Kommentar 30.7.10 08:46, kommentieren

Weg zum Ich

Mit so großen Vorstellungen habe ich dieses Blog angefangen. Ich stand auf einem Berg, wollte auf die Suche gehen, nach mir, nach dem, was mich ausmacht. Und bin abgetaucht.
Ich stand auf dem Berg meiner
Kindheit, vor mir lag ein tiefer Graben, gefüllt mit Dämonen. Diesen wollte, musste ich durchqueren, um den Berg auf der anderen Seite zu erreichen, den Berg meines wahren Ichs.
Und ich bin mutig in den Graben gesprungen, wollte schnell hindurch...
Und wurde umklammert von den Dämonen, wurde tiefer und tiefer in deren Bannkreis gezogen. Wurde blind, konnte nicht mehr sehen, auf welchen Berg ich wollte. Bin manchmal am Fuße meines kindischen Berges gelandet, wurde wieder in die Tiefen gezerrt, wusste nicht mehr, wer ich war. Strengte alle Kräfte gegen die Geister an, verlor immer wieder.
Manchmal konnte ich den Berg ein Stück hinaufsteigen, rutschte wieder ab, oder wurde geschubst. Landete wieder im dunklen Schlund.
Ja, ich kämpfe, suche weiter, aber manchmal fehlt mir die Klarheit. Ich stoße die Dämonen zurück, kann fliehen, aber ich weiß nicht, wohin, habe das Ziel verloren. Ich sehe manchmal Visionen des Zieles, aber manchmal auch nicht, Leere, Orientierungslosigkeit.
Seit ich suchen wollte, suchen
gegangen bin, bin ich verwirrter als je zuvor, weiß nicht, welche
Identität ich habe. Manchmal wünsche ich mir Wegbegleiter, aber manchmal stehen mir alle nur im Weg, versperren mir die Sicht, hinter ihnen verstecken sich die Dämonen.
Ich möchte allein sein, es würde ein harter, aber offener Kampf. Ich könnte klar erkennen, wer ein Gegner ist und wer ein Freund. Manchmal verwischen hier die Linien.

Ich suche weiter.

11.2.10 16:07, kommentieren

Lebenslicht

Eine Essstörung ist wie schlechtes Lampenöl für eine Flamme, das Licht des Lebens. Sie leuchtet mit diesem Öl nicht hell, aber sie brennt weiter.
Wenn jemand zu wenig isst und man die Person zum Essen zwingt, dann nimmt man ihr das Öl weg. Sie leuchtet nun nicht mehr trübe, nein, sie brennt gar nicht mehr.
Man darf niemals jemandem das wegnehmen, wofür er lebt, wovon er lebt. Wenn er weiterbrennt, und sei es noch so trüb, dann kann er irgendwann auch wieder heller leuchten.
Deshalb können Essgestörte unglaublich schlecht ertragen, wenn man sie
zu etwas zwingt. Gut, körperlich sehen sie besser aus, aber die Seele stirbt. Es fühlt sich an, als hätte man sie ertränkt, hätte ihnen jeden Sinn genommen.
Wenn man in einer Phase ist, in der man seinen eigenen Ansprüchen genügt, dann ist man euphorisch, kann alles schaffen, hat Selbstachtung. Und dann wird einem alle Selbstachtung weggerissen, man ist eine lebende Leiche.
Gut, man isst, macht was andere sagen, aber darunter schwelt ein Hass auf die, die einem das antun, der bald verdrängt wird von Selbsthass. Man ist ein Versager, hat es nicht geschafft, den eigenen Ansprüchen zu genügen, war so blöd, anderen nachzugeben, die keine Ahnung haben, obwohl man doch sein Leben selbst in die Hand nehmen wollte.
Man hat keine Perspektiven mehr, wird es niemals schaffen, schlank und erfolgreich zu sein, weiß nicht, was der Sinn des Lebens ist. Der Sinn, den man hatte, wurde einem weggerissen, ersatzlos. Man hat nichts mehr, steht
vor dem Nichts, innendrin Leere, und außen das große Fressen. Verzweiflung, Sinnlosigkeit.
Gut, einmal Fressen, die paar Kalorien, die verkraftet man. Aber nicht, wenn es für immer so weiter geht, nicht den Mangel an Selbstachtung, das Gefühl, keine Chance zu haben, Ohnmacht.
Heilen kann man das nur, wenn man dieser Person einen anderen Sinn gibt, ein besseres Lampenöl, mit dem sie heller leuchten kann, das so gut brennt, dass das trübe Öl keinen Raum mehr hat.
Man darf einem Menschen nicht den Todesstoß zufügen, auch nicht, wenn man es gut meint. Nicht, wenn man nur Leere zurücklässt, keinen Ersatz gibt. Man nimmt alles, haut die Person um. Sie liegt platt da, fühlt sich ganz klein.
Umso mehr Gewicht der Körper hat, desto kleiner wird die Seele.
Ja, es ist unglaublich traurig, wenn jemand nur diesen Lebenssinn hat, aber auch dies noch wegzunehmen, macht keinen Sinn, ist Mord. Mit diesem Sinn kann jemand leben, brennen, und sei es noch so armselig. Er ist noch nicht tot, er kann weiterleben. Er rettet sich das Leben, indem er sich an diesen Anker klammert.
Man sollte diesen Anker nicht wegreißen, sondern versuchen, der Person einen festen Steg zu bieten. Damit sie den Anker loslassen kann, irgendwann.

1 Kommentar 11.2.10 15:54, kommentieren

Der Falsche kann einen in eine Sinnkrise stürzen

Ich hatte einmal einen Freund. Ich wusste, es passt nicht, mit ihm
kann ich nicht mein Leben verbringen. Ich trennte mich. Er lief mir
nach, erz?hlte mir, ich sei die Liebe seines Lebens. Und ich fing an
zu zweifeln. ... War ich so dumm, nicht zu erkennen, wie wundervoll er
f?r mich war? W?rde ich nie wieder jemanden finden, der zu mir passte,
wenn ich nicht zu ihm zur?ckkehrte? Stie? ich den wertvollsten Mensch
von mir, den es gab? Sollte ich nicht besser Nonne werden und mich von
dem weltlichen Leben trennen. Meine Gedanken rasten im Kreis, ich
dachte schon, wahnsinnig zu sein, zu werden, wenn ich mich gegen ihn
entschied. Er weckte wahnsinnige Seiten in mir, die ich so nicht
kannte. Ich glaubte, ins Irrenhaus zu geh?ren. Ich versuchte, ihn
abzuschrecken, zeigte ihm sehr negative Seiten von mir, die teilweise
nur gespielt waren. Und er fand sie toll. Die Teile an mir, die ich
hasste, fand er am Besten. Ich fing an, ihn zu verachten. Er schrieb
mir, ich h?tte ihn auf wundervolle Art ver?ndert, er sei mir so
dankbar. Ich dachte, er w?re nun anders, gab ihm nochmal eine Chance.
Zeigte ihm mehr von meinem wirklichen Ich, als ich es sonst tue. Und
er fand das wundervoll, was ich fr?her war, was ich ?berwunden hatte.
Und sagte mir, wir seien so kompatibel. Ich arbeitete an mir, um mich
zu ?ndern, und er meinte, ich sei zu streng. Er fand alles an mir gut,
was ich schon f?r immer besiegt glaubte. Er rannte einer Illusion
hinterher, ein Trugbild, so, wie ich bei unserem ersten Date war. Und
alles, was ihn st?rte, hat er ignoriert, verneint. Ich musste mich von
ihm trennen, f?r immer nun, und er verstand es nicht. Er wird es
niemals verstehen, wir sind nicht kompatibel, meine Erkl?rungen passen
nicht in ihn rein.

1 Kommentar 11.2.10 15:28, kommentieren

Tot

K?rzlich hat der Sohn einer Bekannten, er ist in meinem Alter, 80
Tabletten genommen. Er hat ?berlebt. So weit w?re ich niemals
gegangen. Auch ich habe schon fantasiert, wie es w?re, zu sterben,
selber daf?r zu sorgen. Doch ich habe es nie konkretisiert. Dennoch,
ich lebe mit den Gedanken ?ber den Tod. Ich bin einmal in den Urlaub
gefahren, allein ins Ausland, ohne Unterkunft, habe auf der Stra?e
gelebt. Ja, hast du denn keine Angst, fragen Verwandte mich. Nein,
wieso sollte ich, wenn ich dort umgekommen w?re, ich h?tte es
akzeptiert. Ich bin dem Tod so nahe, dass ich keine Angst zu haben
brauche. Nur vor dem Leben. Ich habe keine Angst vor Einsamkeit,
Sterben ist halt einsam. Ich brauche allein im Wald keine Angst zu
haben, wenn mir was passiert, macht das nichts, und es entspannt mich,
beruhigt. Ich kann nicht zuviel Leben ertragen. Ich habe keine Angst,
in einer Klausur durchzufallen, das ist fast wie sterben. So nahe am
Tod kann ich ganz gut leben, ?berleben. Ich brauche keine Gef?hle, die
mich ?berw?ltigen, ich muss mir auch nichts antun, ich bin ja schon
tot. Ich bin gleichg?ltig, manchmal verzweifelt, hoffnungslos, aber
eigentlich nicht, denn ich bin ja schon tot, brauche keine
Perspektiven mehr. Das gibt mir Hoffnung, es kann nur besser werden.
Und wenn nicht, mir kann nichts mehr passieren, ich bin unantastbar.
Manchmal vergesse ich, dass ich gar nicht lebe, wenn ich f?r eine
Klausur arbeite, wenn ich Freunde treffe. Dann tue ich so, als ob ich
normal sei, keine wandelnde Leiche. Everyone dies, but not everyone
lives. Ja, im Moment lebe ich nicht wirklich. Und trotzdem, es geht
weiter. Ich bin zwar tot, aber ich gebe dem Leben trotzdem eine
Chance. Ich schreibe auch Klausuren mit, die ich sowieso nicht
bestehen kann, denn nur so kann das Wunder geschehen, dass ich es
trotzdem schaffe. Ich bin tot, aber ich lebe trotzdem. Wunder
geschehen. Und bald, vielleicht, werde ich wunderbarerweise
auferstehen.

1 Kommentar 11.2.10 15:17, kommentieren