auf der Suche nach mir selbst

Hinter der Maske - Tauchen im Tränensee

Wenn ich mein Zimmer verlasse, setze ich eine Maske auf, grüße freundlich meinen Bruder, halte Smalltalk mit meiner Mutter, habe sogar ein Date, bin da fröhlich, lustig, eine gute Zuhörerin, die gelegentlich auch mal was sagt. Mach noch schön Mittagessen mit meinem Bruder, alles scheint in Ordnung.

Die perfekte Maske. 

Wenn ich allein bin, kann ich sie absetzen. Was bleibt, sollte mein ICH sein. Doch ich sehe nichts, nur Leere. Bei genauerem Hinsehen, ein See aus Tränen, die ich nicht weine, wovon ich nicht weiß, woher er kommt. 

In den letzten Wochen habe ich diesen See zugeschüttet mit Essen, versucht, ihn trocken zu legen. Das Essen konnte für ein paar Stunden die Oberfläche bedecken, bevor es versunken ist, mich wieder mit dem See allein ließ. 

Außer wenn ich ihn auch vor mir selbst hinter der Maske verberge. 

Doch er wird größer, lässt sich nicht mehr so leicht verbergen. Und ich werde neugieriger, er ist ein Teil von mir, ich möchte ihn sehen, erkennen, in ihm tauchen. 

Und reduziere mein Essen, wenn ich hungere, kann ich im See abtauchen. Möchte mich dort voll und ganz spüren, aber ich spüre dort nur weniger, alles fließt um mich, die Tränen sind kalt, ich friere. Es ist angenehm, einfach in mir selbst zu schwimmen. Aber nicht alltagstauglich. 

Die Oberfläche interessiert mich kaum noch, ich tauche zu tief. 

Da ich aber noch für die Uni arbeiten muss, kann ich mir das nicht leisten, habe mich zum Essen gezwungen, um den See wieder zur Ruhe zur bringen, einen anderen Weg kenne ich nicht. 

Soviel gesundes Essen hätte ich nicht geschafft, ich musste mal wieder auf den verhassten Zucker zurückgreifen. Er fügt dem See weitere Tränen hinzu, weil ich mich nie wieder so ungesund ernähren wollte, aber er wirkt, bedeckt die Oberfläche für einen Tag. Es musste sein. 

Und doch ekelt es mich an. 

Dabei hätte ich gerade heute so viel Anlass zum Freuen gehabt, ein Spitzenklausurergebnis erfahren, einen netten Anruf gehabt, wo mir für meine bisherige ehrenamtliche Arbeit gedankt wurde, einen netten Kommentar gehabt, eine SMS von meinem Date gekriegt, er will sich wieder mit mir treffen. 

Und doch verschwamm es irgendwie, ich hatte es jeweils kurz zur Kenntnis genommen und bin dann wieder abgetaucht, wenn nicht meine Hausarbeit wäre, würde ich weiter tauchen gehen. 

Ich habe es satt, eine Maske zu tragen, ich habe es satt, meinen See krampfhaft zuzuschütten. 

Irgendwann muss ich all die Tränen weinen, nur tauchen bringt mich wohl auch nicht weiter, entfremdet mich nur von der Realität. 

Und ich möchte auf Spurensuche gehen, sehen, wie dieser See entstanden ist. 

Und ganz unten auf dem Grund des Sees, vielleicht liegt da der kostbare Schatz, den ich suche, mein wahres Ich. 

Wenn alle Tränen geweint sind und die Maske gelüftet wird, dann kommt es zum Vorschein, klar und rein unter dem See erhalten.

Ich suche. 

30.7.10 21:05

bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Wolfsauge / Website (31.7.10 07:38)
ichwünschte so sehr,ich könnte weinen. dann würde ich seltener meine gefühle betäuben oder dissoziieren.

DU entscheidest,ob du die maske trägst,bzw welche maske.
ich glaube,sehr sehr viele menschen tragen masken und zeigen nicht alles von sich anderen gegenüber.
das liegt meines erachtens daran,dass man sich ja sonst immer nur über schlechte dinge unterhalten und mit all seinen freunden niedergeschlagen in der ecke hocken würde.
stattdessen rate ich dir,nutze die chance und versuche dich "mit hilfe" der maske in eine gute stimmung versetzen,dann wird das leid erträglicher.

hast du dich eigentlich jemandem aus deniem freundeskreis anvertraut,dsas irgendjemand bescheid weiß? oder familie? das kann auch schon helfen,weil du dann ganz ehrlich sein kannst auf die frage,wie es dir geht.
und du kannst trotzdem freude haben

lg und gib nicht auf!


(31.7.10 08:55)
Guten Morgen :-)

Ich habe deinen blog über deinen eintrag bei sinn_entleert gefunden und entdecke gerade viele Parallelen zu mir. Du drückst dich wunderbar aus, ich bin hingerissen. Mir geht es ähnlich wie dir. Habe bisher nur diesen post und die Beschreibung über dich gelesen. Wie lange schon hast du Probleme mit dem Essen? Bei mir sind es es ca. 17 Jahre. In dieser Zeit hab ich meine Vergangenheit in viele kleine Schnipsel seziert und verarbeite schlimme und schöne Dinge. Mir helfen diverse blogs durch den Austausch mit Betroffenen. Auch hab ich mich im Freundeskreis und in der Familie "geoutet". Das war einerseits furchtbar, diese Traurigkeit und Unverständnis in den Augen seiner Liebsten zu sehen. Auf der anderen Seite ist es ein gutes Gefühl. Denn man ist mit seiner eigenen Hölle nicht mehr allein. Dieser Schritt kostet viel Mut und Kraft. Denn sich selbst zu erklären, wenn man nicht weiß wer man ist braucht Zeit und Geduld. Ich wünsche dir auf diesem Weg viel positive Energie und bin überzeugt das du es schaffen wirst. Außerdem möchte ich mich Wolfsauges Meinung anschließen.

Alles Liebe und Schöne dir,

kiso

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